Redaktionsprozess
Quellenprüfung in der Finanzredaktion: Warum die Originallieferstelle zählt
Eine Zahl ohne Stand, Definition, Erhebungsmethode und Quelle ist keine Angabe, sondern eine Behauptung. Dieser Artikel legt dar, aus welchen Bestandteilen ein geprüfter Datenpunkt besteht.

Eine Zahl ist nicht eine Zahl
Eine Redaktion, die eine Zahl übernimmt, übernimmt vier Angaben oder keine. Die Zahl selbst ist die erste Angabe. Die drei weiteren Angaben sind: der Stand, die Definition und die Erhebungsmethode. Fehlt eine dieser vier Angaben, ist die Zahl nicht verwendbar. Sie ist dann eine Behauptung.
Das klingt streng. Es ist streng. Es ist aber die Bedingung, unter der eine Zahl in einer Anlagethese verwendet werden kann, ohne dass die These still auf einem Fehler beruht.
Die Originallieferstelle
Die Originallieferstelle ist die Stelle, an der die Zahl zuerst veröffentlicht wurde. Für eine Unternehmenszahl ist das der Geschäftsbericht. Für eine Behördenstatistik ist das die Veröffentlichung der Behörde. Für einen Börsenkurs ist das der Handelsplatz oder der konsolidierte Feed des Datenanbieters.
Eine Zweitverwertung ist eine Übernahme der Zahl in einem anderen Text — ein Artikel, ein Newsletter, eine Datenplattform. Zweitverwertungen sind nicht grundsätzlich schlechter. Sie können aber Fehler übernehmen, ohne dass der übernehmende Text dies kennt. Wer die Originallieferstelle aufsucht, sieht die Zahl in ihrem ursprünglichen Kontext und in ihrer ursprünglichen Gliederung.
Vier Angaben, die einen Datenpunkt ausmachen
Ein Datenpunkt in dieser Rubrik besteht aus:
- Der Zahl selbst. Eine konkrete Angabe in einer konkreten Einheit.
- Dem Stand. Der Stichtag, das Geschäftsjahr, der Erhebungszeitraum.
- Der Definition. Nach welcher Definition wurde die Zahl ermittelt? Eigenkapitalquote nach HGB, nach IFRS, nach regulatorischer Definition?
- Der Erhebungsmethode. Wie wurde die Zahl erhoben? Konsolidiert, einzelunternehmen, pro Forma?
Eine Zahl ohne diese vier Angaben ist eine Behauptung. Eine Zahl mit diesen vier Angaben ist ein Datenpunkt. Der Unterschied ist nicht akademisch. Er entscheidet darüber, ob eine These sich auf eine Angabe stützt oder auf eine Vermutung.
Eine Praxis aus der Rubrik
Jeder Artikel in dieser Rubrik folgt der gleichen Praxis. Eine Zahl wird in der Originallieferstelle aufgesucht. Die vier Angaben werden festgehalten. Die Quelle wird im Text beim Datenpunkt genannt. Eine Zahl ohne diese vier Angaben wird nicht verwendet — sie wird durch eine qualitative Formulierung ersetzt.
Das ist der Grund, warum die Texte länger brauchen als ein Modell-Output. Ein Modell-Output hat eine Zahl. Ein redaktioneller Text hat einen Datenpunkt. Der Unterschied ist die Arbeit, die zwischen der Zahl und dem Datenpunkt liegt.
Was eine Leserin prüfen kann
Wer eine Zahl in einem Text liest, kann vier Fragen stellen:
- Steht die Zahl in der Originallieferstelle?
- Ist der Stand der Zahl genannt?
- Ist die Definition der Zahl genannt?
- Ist die Erhebungsmethode der Zahl genannt?
Bleibt eine der vier Fragen offen, liegt eine Behauptung vor. Das ist keine Kritik an einem Text, sondern die Voraussetzung dafür, dass eine Angabe in einer Anlagethese tragbar ist.
Fazit
Die Originallieferstelle zählt, weil sie die Zahl in ihrem ursprünglichen Kontext zeigt. Die vier Angaben zählen, weil sie eine Behauptung in einen Datenpunkt verwandeln. Die redaktionelle Praxis zählt, weil sie die Arbeit leistet, die zwischen einer Zahl und einem Datenpunkt liegt.