Datenqualität
Verzögerte Kursdaten in KI-Marktdiensten: Was eine These auf gestrigem Stand wert ist
Viele KI-Marktdienste speisen sich aus verzögerten Feeds. Eine These, die auf dem Stand von gestern beruht, ist im Markt von heute keine Aussage mehr.

Ein Dienst, der schneller redet als er liest
Ein KI-gestützter Marktdienst liefert eine Einschätzung zum Tageskurs eines Wertpapiers. Die Einschätzung ist formuliert, als wäre sie am selben Tag entstanden. Der zugrundeliegende Kurs stammt jedoch aus einem verzögerten Feed — fünfzehn Minuten bei einigen Quellen, bei anderen bis zu einem Handelstag. Wer die Einschätzung am Morgen liest, liest eine These, die sich auf einen Kurs von gestern bezieht, ohne dass dies ausgewiesen wäre.
Das ist kein Betrug. Es ist die Konsequenz aus der Tatsache, dass Echtzeit-Kursdaten kosten und viele Dienste auf die günstigeren verzögerten Feeds ausweichen. Die Konsequenz für die Leserin ist aber eine andere: Sie liest eine Aussage über den Markt von heute, die auf dem Markt von gestern beruht.
Was eine Verzögerung im Markt bedeutet
Ein Börsentag hat viele Kursänderungen. Eine Verzögerung von fünfzehn Minuten ist in einem ruhigen Markt vernachlässigbar. In einem Markt, der auf eine Ad-hoc-Meldung reagiert, ist sie erheblich. Eine These, die auf einem fünfzehn Minuten alten Kurs beruht, kann in diesem Moment nicht mehr die These sein, die sie zu sein vorgibt.
Für eine redaktionelle Einordnung ist die Frage nicht, ob die Verzögerung groß ist, sondern ob sie ausgewiesen ist. Eine nicht ausgewiesene Verzögerung ist ein stiller Fehler in der Datenbasis.
Fragen an einen Datenlieferanten
Eine Redaktion, die einen Marktdienst zitiert, stellt drei Fragen an den Lieferanten:
- Welche Verzögerung hat der zugrundeliegende Feed? Fünfzehn Minuten, ein Handelstag, eine Woche?
- Welche Quelle liefert den Kurs? Ist es der Handelsplatz, ein Konsolidierer oder ein Drittanbieter?
- Ist die Verzögerung im Text ausgewiesen? Falls nicht: Warum nicht?
Bleibt die dritte Frage offen, wird der Dienst in dieser Rubrik nicht als Quelle für einen Tageskurs verwendet. Die Verzögerung ist nicht das Problem. Die fehlende Ausweisung ist das Problem.
Was eine End-of-Day-Perspektive leistet
Eine End-of-Day-Perspektive ist nicht schlechter als eine Echtzeit-Perspektive. Sie ist eine andere Perspektive. Wer eine These über eine mittelfristige Entwicklung formuliert, braucht keinen Echtzeit-Kurs. Wer eine These über den Reaktionsverlauf einer Ad-hoc-Meldung formuliert, braucht ihn sehr wohl.
Die redaktionelle Entscheidung lautet: Welche Perspektive passt zur Aussage? Eine These über den Tageskurs braucht einen Tageskurs. Eine These über eine mittelfristige Entwicklung braucht eine Datenreihe, die länger als ein Tag ist. Eine These, die eine Datenreihe mit einem Tageskurs verwechselt, ist keine These, sondern ein Missverständnis.
Fazit
Eine Verzögerung im Datenfeed ist eine Eigenschaft, kein Vorwurf. Eine nicht ausgewiesene Verzögerung ist ein stiller Fehler. Eine Redaktion, die diesen Fehler sichtbar macht, leistet mehr als ein Dienst, der ihn übersieht.